Ergebnissicherung: NYC

7th Avenue

In der „Über den Stadtbenutzer“-Sektion dieses Blogs schreibe ich: „[…] ein, zweimal im Jahr ist es mir manchmal vergönnt, einen Blick über den Tellerrand (in Gestalt der Wiener Außenring-Autobahn) zu werfen und so vielleicht Beobachtungen aus anderen Teilen der Welt mit einzubeziehen.“ Ich möchte diese Kategorie, die ich mit „International“ betitelt habe, mit einigen Gedanken über meinen jüngsten Besuch in jener Stadt eröffnen, die man oft die Hauptstadt der Welt nennt und die häufig Gegenstand von Postings auf der Facebook-Seite Ihres Stadtbenutzers ist: New York City.

Ich habe nicht vor, im Zuge dieses Blog-Beitrags meine Beobachtungen argumentativ in einen Bezug zu Wien und unserer Stadtbenutzung vor Ort zu bringen; es geht vielmehr vorerst darum, meine Eindrücke zu sortieren und zur späteren Verwendung zu sichern. Ich will aber versuchen, das in einer lesenswerten Art zu tun.


Der legendäre Grafik-Designer Milton Glaser hat in den 1970er Jahren den Werbeslogan INY in ein ikonisches Logo gegossen1 … und seither gehört es zumindest abseits des Hindukusch zum guten Ton, diesem Slogan möglichst enthusiastisch nachzukommen und das (auch gegen den Willen der Eingeborenen) vor Ort zu zelebrieren. Nach der Auswertung meines Versuchs, letzteres zu tun, muss ich allerdings wohl eingestehen, dass mir persönlich ersteres verwehrt bleibt.

Was soll’s! Dann wird eben nichts aus dieser Liebesbeziehung (mein gehört ohnehin „la Métropole“ Montreal). Das bedeutet nicht, dass wir nicht Freunde sein können; und mit einem Freund kann man ganz offen über seine Stärken und seine Schwächen reden.

Einem Reisenden, der erstens mit den Gepflogenheiten des Landes nicht voll vertraut und zweitens notorisch dort anzutreffen ist, wo Nylongurte und Samtschnüre die Menschenmassen zu Schlangen formen, wo Gepäckstücke durchsucht, und wo Metall detektiert wird, fällt das wahrscheinlich stärker auf als einem Einheimischen – es ist nichts desto trotz ein omnipräsenter und besonders enervierender Aspekt von NYC2: ein Moment der Konfusion oder des Zögerns, das unabsichtliche Übertreten einer (womöglich gar imaginären) Linie, die unwissentliche Benutzung der falschen Schlange – schon haben Ordner oder Ordnerin einen ins Visier genommen und in gemäßigtem Kasernenhofton, gefolgt von einem halbherzigen „please“ und einem vorwurfsvollen „Sir“, gemaßregelt. Für unsere „safety and convenience“ und in ständiger Furcht vor der für seine Unverhältnismäßigkeit berüchtigte Hand des Gesetzes „in the land of the free“ nehmen wir die Maßregelung hin, korrigieren den Fehler und fügen uns, der Ordnerin oder dem Ordner schuldbewusst zulächelnd ins System. Die heimliche Hoffnung selbst ein mildes, verzeihendes Lächeln zu ergattern bleibt hingegen unerfüllt.

Es läge nun nahe anzunehmen, dass sich dieses Klima der strikten und im Detail durchkontrollierten Organisation aus den Lobbys der Museen und Observation-Decks hinaus auf die Straße ergiessen würde. Aber nein. Au contraire! New Yorks City Streets sind in Wirklichkeit eine pervertierte, schizoide und passiv-aggressive Form der Begegnungszone, ein Gebiet ohne genaue Regeln in dem Dinge zu funktionieren scheinen … weil sie nun eben funktionieren (dieser Eindruck ist subjektiv – beschäftigt man sich mit den Hard-Facts, stellt man fest, dass alles weniger glatt läuft als man glauben möchte).

Dem Wiener sind beispielsweise Fahrspur-Markierungen wichtiger als Sicherheitsabstände – dem New Yorker bedeutet beides nichts. Rechtsabbieger rechts überholen? Hierzulande ein viel diskutiertes Problem der Radwege-Planung; dort: aber klar doch! Der kontinuierliche Fluss jeglichen Verkehrs scheint paramount zu sein; jeder freie Platz, der sich zwischen den typischen Yellow Cabs, den unvermeidlichen Town Cars und Suburbans, den Touristenbussen, Trucks und Hot-Dog-Ständen auftut, wird verwendet. Die Höchstgeschwindigkeit, mit der dieser Platz in Anspruch genommen werden darf wird lediglich durch die Physik begrenzt … und und ist identisch mit der Mindestgeschwindigkeit die seitens der anderen Verkehrsteilnehmer erwartet werden kann; an deren Einhaltung wird man denn auch sofort durch die Hinterherfahrenden erinnert, wenn man einmal kurz nachlässt. Und weil das immer wieder mal passiert, schwebt über der Stadt ein permanenter Schallteppich aus Hupsignalen. Ich neige dazu, das Horn als A*******h-Signal zu bezeichnen, weil es hierzulande meist in vorwurfsvoller und persönlich anklagender Manier verwendet zu werden scheint … dort ist es aber wohl vielmehr eine natürliche akustische Erscheinung; ein unwillkürlicher Reflex im alltäglichen Miteinander – vergleichbar mit dem Kopfnicken, das man anwendet, wenn man einem Kollegen auf dem Gang begegnet.

New Yorks Straßen (speziell jene in Midtown Manhattan) erinnern Ihren Stadtbenutzer in olfaktorischer3 wie auch taktiler Hinsicht ungeheuer an jene seiner alten Neighbourhood in Khlong Toei, Bangkok – komplett mit unwägbaren Menschenmassen, plötzlichen Einengungen, Absenkungen, Erhebungen, Kanten und den lästigen Avancen jener, die mit Hilfe der Touristen ihren Lebensunterhalt bestreiten (ersetzen Sie einfach „hello, handsome man!“ durch „yo’ goin’ to Empire State Building, guys?“).

All diese Beobachtungen zusammengefasst fällt es nicht gerade leicht, daraus ableiten zu wollen, die viel gepriesene Walkability und Bikeability von New York City würde an vergleichbare Städte des alten Europa herankommen oder diese gar übertreffen. Noch viel schwerer fällt es, zu glauben, dass dies auf eine ausgezeichnete oder in besonderem Maße geeignete Infrastruktur zurückzuführen wäre – wohl viel eher auf die sprichwörtliche Anpassungsfähigkeit und Resilience der New Yorker, auf die man dort – sicher nicht zu Unrecht – so stolz ist.

Leichter fällt es, den vor allem der Arbeit der Bloomberg-Administration – und hier speziell NYC DOT Commissioner Janette Sadik-Khan – zu schuldenden gleichermaßen innovativen wie pragmatischen Ansatz zu Placemaking und fußgängerfreundlicher Straßengestaltung zu bemerken und zu bewundern. Wohl darum ist es neuerdings üblich, nach einem New York-Aufenthalt seine Liebesbekundungen durch die verzückte Nennung einiger einschlägiger, populärer Locations zu unterbrechen: „Highline Park!“, „Bryant Park!“, „Madison Square!“, „Meatpacking Plaza!“ et cetera. Weil über erstere ohnehin schon so viel geschrieben wurde, will ich mich – stellvertretend für all die neuen Plazas Manhattans – letzterer widmen.

Das Real-Estate-Magazin Curbed (welches offenbar „witty and insightful“ mit „eigentlich eh gegen alles, was nicht von einem Auto befahren oder verparkt werden kann“ gleichsetzt) betitelt dieses kleine Dreieckchen zwischen 9th Ave., Hudson Street und West 14th Street durchwegs als „Bizarro Meatpacking Plaza“ und vermutete im Juli 2007, dass sich niemals ein vernunftbegabtes menschliches Wesen dort niederlassen würde. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein; es war weder leicht, einen freien Platz zu finden, noch die freien Sessel an meinem Tisch zu verteidigen, während meine Familie beim Le Pain Quotidien Kiosk Frühstücksmuffins und Espresso holte. Vielleicht ist ja dem nebenan gelegenen Apple-Store zu verdanken, der großzügig Gratis-WLAN durch seine Glasfassade bläst und von dessen Existenz man (zur Verteidigung von Curbed) erst im Dezember 2007 erfahren konnte.

Ihr Stadtbenutzer steht ja auf sowas. Man sollte aber nicht vergessen, dass ich ja auch gerade dieser Schicht angehöre, die Espressi und Muffins aus der Systemgastronomie konsumiert, stylishe Elektronik mit Obstnamen verwendet und den nahegelegenen Chelsea Market einfach hinreissend findet. Zur Bezeichnung dessen, was Leute wie ich in einer solchen Neighbourhood verursachen, gibt es ein böses Wort, das ich in diesem Zusammenhang nicht ausklammern möchte: Gentrifizierung.

Bei all den positiven Veränderungen, die New York City in der jüngeren Geschichte widerfahren sind – von den sicheren Straßen der Giuliani-Administration, dem Placemaking unter Bürgermeister Bloomberg bis zu de Blasios verkehrspolitischer Vision Zero – kommt man nicht umhin, die Frage „cui bono?“ zu stellen. Die Antwort ist gleichermaßen offensichtlich wie unzufriedenstellend; überall wo New York schöner, cooler, gepflegter, lebens- und liebenswerter wird, gibt es einen Immobilien-Tycoon, der der sich mit Luxus-Condos und Garagenabstellplätzen eine goldene Nase verdient – und es gibt ganz viele, die sich das schöne, coole, gepflegte, lebens- und liebenswerte New York nicht mehr leisten können.

Wenn man (trotz fehlender Konsumpflicht) Kaffee schlürfend in der Sommersonne auf einem der unzähligen von der Stadtverwaltung aufgestellten Klappstühle lümmelt (die zur allgemeinen Überraschung nicht Nacht für Nacht in irgendwelche privaten Gemächer verschwinden und für teures Steuergeld ersetzt werden müssen) und sich vom unvergleichlichen New Yorker Stadtleben umspülen lässt, dann denkt man weniger an diese Diskrepanz zwischen Donald Trump und Ordinary Joe. Vielmehr erfreut man sich an der Tatsache, dass New Yorks Streets „not so mean anymore“ sind, und fragt sich, ob dieser Aspekt an der Hauptstadt der Welt nicht auch in der Provinz funktionieren würde.

Ihr Stadtbenutzer hat zumindest einige Erfahrungen und Ideen mitgebracht.


1) Lustigerweise fand mein erster Kontakt mit einem mit diesem Slogan gezierten Bumper-Sticker als Kind ausgerechnet in Isny im Allgäu statt, weshalb ich das weltberühmte INY Sujet jahrelang mit diesem einsamen Weiler in Süddeutschland in Verbindung brachte und das für einen gelungenen typographischen Twist hielt. Erst später wurde ich stutzig, als die Masse der Sichtungen nicht mehr in eine vernünftige Relation zu Größe und Geltung von Isny zu bringen war (lachen Sie nicht, es gab schliesslich damals noch kein Google).

2) An dieser Stelle scheint es angebracht, die Qualität meiner Beobachtungen zu relativieren: Diese entstanden während eines sechstägigen Aufenthalts als Tourist im August 2014; diese Zeit habe ich praktisch ausschliesslich in Manhattan verbracht – von einigen kurzen Ausflügen nach Brooklyn und der Fahrt durch Queens vom und zum Flughafen einmal abgesehen. Ich war während dieser Zeit in einem Hotel in der 45th Street, im 100er-West Block, mitten in Midtown Manhattan, untergebracht.

3) Der olfaktorische Aspekt ist natürlich schwer in Worte zu fassen, Sie stellen sich am besten ein Gemisch aus Dieselabgasen, Fischsauce, Müll, Formaldehyd und dem Rauch von offenen Grillfeuern vor.

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