Hi, Robot

autonom1

Einmal im Jahr richtet sich die Aufmerksamkeit von Techno-Geeks und Fanboys aus aller Welt voller Aufregung und Begeisterung auf einen Flecken Land in Nevada, der unter extremem Einsatz von Energie und Ressourcen der Wüste abgerungen, gerade noch ausreichend bewässert aber dafür geradezu orgiastisch beleuchtet wird, und in dem in den frühen Jännertagen eine viel beachtete Fachmesse namens Consumer Electronics Show abgehalten wird.

Was das mit Benutzung unserer Stadt zu tun hat?

Früher Showcase von Indoor-Unterhaltungselektronik wie Videorecorder, Disc-Player und Flachbildschirme, hat sich die Veranstaltung seit Anfang dieses Jahrzehnts zu einer Schau für Self-Driving-Cars und andere „Smart Solutions“ der Automobilindustrie entwickelt.

Der Unumstrittene Star der CES 2015 war wohl der Mercedes F015 Luxury, (nach meiner eigenen laienhaften – wahrscheinlich ausserdem durch die futuristische, blauleuchtende, stromlinienförmige Silbrigglänzigkeit1 getrübten – Einschätzung zumindest) der bisherige Höhepunkt in der noch kurzen Geschichte des autonomen Vehikels.

Ihr Stadtbenutzer ist ja selbst ein Techno-Geek und Science-Fiction-Freund – und daher für den Reiz der Silbrigglänzigkeit so anfällig wie jeder andere auch. Der Anblick der futuristischen Flunder F015 vermochte daher natürlich auch mich zu begeistern … weil ich aber ausserdem nun eben auch Stadtbenutzer, Fußgänger, Radfahrer und allem voran Kritiker des autozentrischen2 Denkens bin, ebbte diese Begeisterung nach Lektüre der ersten detaillierten Artikel über die „Vorzüge“ des Fahrzeuges rasch ab.

„Erkennt das Fahrzeug einen Fußgänger, zeigt es dies durch einen Lichtbalken an. Bleibt es am Kühler dunkel, sollte man also schnell zur Seite springen.“

So (gewollt oder ungewollt?) zynisch formuliert Heise.de die Vorzüge der „Kommunikation mit Fußgängern“, derer der F015 mittels seiner im Detail ausgeklügelten Licht- und Projektionstechnik mächtig ist. In anderen Worten: die Verantwortung im Falle einer (nach Murphys Gesetz wohl letztlich immer noch möglichen) Kollision des „rollenden Wohnzimmers“ mit einem jener unterprivilegierten Menschen, welche sich nicht innerhalb ihres Wohnzimmers fortbewegen (a.k.a. „Fußgänger“) wird nun vollends vom Betreiber des Fahrzeuges („Lenker“ kann man ihn ja nicht mehr nennen) auf jenen armen Trottel abgewälzt, der gerade von zweieinhalb Tonnen Hi-Tech-Materialien niedergewalzt wurde, weil er die Lichtzeichen am Kühlergrill nicht zu interpretieren wusste.

Die Evolution der gängigen und wie es scheint stets zu funktionierenden „den hob i net g’sehn“-Ausrede zum nun ganz und gar unschuldigen „der hot mi net g’sehn“ ist abgeschlossen. Die Weste des Mercedes-Fahrers, der zwar „auf Wunsch immer die letzte Entscheidungsgewalt haben wird“ für den aber, so Daimer-Vorstandschef Dieter Zetsche „auch die Möglichkeit wichtig [sei], sich den anderen Passagieren zuwenden zu können, wie einst in der Pferdedroschke“ bleibt weiss.

Die Lichtsignale aus Untertürkheim sind nicht die einzige „smarte“ Innovation, die im Interesse der Verkehrssicherheit auf der CES vorgestellt wurde. Der Schwedische Hersteller von Last- und Personenkraftwagen Volvo hat beispielsweise ein neues Geschäftsfeld für sich entdeckt – den immer-expandierenden Markt für Fahrradhelme. Natürlich ist der Volvo-Helm kein normaler Helm, sondern (sie ahnten es schon): „smart“. Die High-End-Hartschale aus dem Hause POC (die sich schon in ihrer „dummen“ Version mit €270,- zu Buche schlägt) wurde netzwerkfähig gemacht – und wenn der Helmträger dann noch über Strava mit der „Volvo-Cloud“ verbunden ist – und das potenziell auf Kollisionskurs befindliche Auto ebenso … dann darf sich der Volvofahrer über ein warnendes Fahrradpiktogramm in seinem Head-Up-Display freuen. Achtung: das Ganze funktioniert natürlich nicht in einem Mercedes. Oder Opel. Oder Kia. Oder Hummer … Und auch nicht, wenn der Radfahrer Giro, Mavic, Ribcap oder – Gott behüte – gar keinen Helm trägt.

Sich zu wünschen, selbstfahrende Autos würden sich nicht durchsetzen wäre dasselbe, wie sich zu wünschen, das Auto als solches würde verschwinden: gleichermaßen blauäugig wie unangebracht3. Den Gebrauch fortschrittlicher Sensorik im Dienste der Verkehrssicherheit abzulehnen wäre darüber hinaus geradeheraus dumm. All diese Dinge können dazu beitragen, das Leben auf der Straße für jedermann sicherer zu machen – immerhin verhalten sich anscheinend, wie IEEE Spectrum das so unverblümt verlautbart, Fußgänger und Radfahrer „oft ungeheuer idiotisch“ und die meisten Menschen sind „schrecklich schlechte Autofahrer“ … und Volvo ist tatsächlich eine von jenen Firmen, die ernsthaft an Lösungen für dieses Problem arbeitet.

Eine wahrhaft „smarte“ Lösung müsste allerdings viel, viel weiter gehen. Dass all diese Innovationen von Seiten der Autoindustrie kommen, ist wohl kaum ein Zufall. Wenn man derselben auch schwerlich den guten Willen absprechen kann, die aktive Sicherheit ihrer Schöpfungen mit Hilfe dieser Technologien zu verbessern, so hat sie doch in erster Linie ein Ziel: mehr und mehr Autos zu verkaufen. Damit einher geht praktisch zwangsweise das übergeordnete Ziel, dafür zu sorgen, dass das Automobil auch weiterhin ohne hinterfragt zu werden die uneingeschränkte Herrschaft über den öffentlichen Raum behält.

Die zutiefst fehleranfällige Methode der „Kommunikation“ mittels Lichtzeichen, und – noch abenteuerlicher – ein System, das von allen Seiten die Nutzung eines Systems aus proprietärer Hard- und Software und eines gemeinsamen Netzwerkdienstes erfordert, scheinen vor dem Hintergrund der tatsächlich gegebenen technischen Möglichkeiten reichlich ungeschickt. Man könnte unterstellen, dass dem eine politische Überlegung zugrunde liegt, nämlich die, einen möglichst großen Anteil an der Verantwortung auf schwächere Verkehrsteilnehmer abzuschieben und damit die Hegemonie des Automobils über die Straße auf der moralischen Ebene zu untermauern.

Ich meine, es wäre klüger und verantwortungsvoller, parallel zu den technischen Lösungen darüber nachzudenken, ob die alte Idee des um jeden Preis rasch und ungestört fließenden Autoverkehrs – die Dominanz des Autos – wirklich der Kern unseres Denkens bleiben muss, oder ob man nicht vielleicht doch den natürlichen Verkehrsmodi (sie werden in diesem Blog nicht den Terminus „alternativ“ lesen, wenn es ums Zu-Fuß-gehen geht) mehr Bedeutung und Raum einräumen möchte

Das wäre „smart“.


1) Ja, ich weiss, dass das kein Wort ist, aber: hey!

2) In internationalen Medien is die Bezeichnung „car-centric“ nicht unüblich, auch wenn sie – genauso wie ihre deutsche Übersetzung nicht in den einschlägigen Wörterbüchern geführt wird. Der Duden kennt zwar das Wort „autozentriert“, welches mir aber ob seiner in Wirtschaftssoziologie und Entwicklungspolitik weitaus gängigeren Bedeutung von „eigenständig“ bzw. „nicht integriert“ an dieser Stelle weniger zusagt. Nun hat der bekannte und geschätzte Journalist Hans Rauscher das Wort „autozentrisch“ (In Anlehnung an das geozentrische Weltbild, in dem sich das Universum um die Erde dreht, und dessen öffentliche Anzweiflung einst Galileo Galilei in Konflikt mit der Inquisition geraten ließ) in einer Ausgabe seiner Kolumne „Einserkastl“ verwendet – oder womöglich gar geprägt(?). Ihrem Stadtbenutzer ist das gut genug.

3) Ein kurzer Einblick in die Arbeitsweise Ihres Stadtbenutzers: in meinem „Drafts“-Ordner befinden sich fast immer mehrere Beiträge in den unterschiedlichsten Stadien der Fertigstellung. Obwohl ich den Beitrag mit dem Titel „Stell dir vor es ist Krieg …“ erst Wochen nach dem vorliegenden Artikel publiziert habe, nahm ich diesen Satz daraus vorweg – wissend, dass ich später darauf verlinken würde können. Ich erlaube mir daher, die Fußnote jetzt (26.03.2015) entsprechend zu editieren.


Titelbild: Mercedes F015 © Daimler AG
(die Gedankenblasen wurden durch den Autor ergänzt)

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