Now you see me …

invisibleVisibleMan

… now you don’t! Das ist der Text der – zumindest laut der Einschätzung Ihres Stadtbenutzers – amüsantesten Stelle in Terry Jones’ Komödie „Erik the Viking“ aus dem Jahr 1989 (ausserdem der Titel eines Albums von Cliff Richard, sowie einer Reihe von Songs, TV-Serien-Episoden und Filmen). Nutzer von Tarnkappen und magischen Ringen verwenden diesen Satz oft um ihre Feinde und deren unzulängliche Kognition zu verhöhnen. Um so verblüffender, dass im wirklichen Leben Hohn, Schande und allem voraus: Schuld meist jenen zuteil wird, die am „receiving end“ dieser mangelhaften Wahrnehmung anzutreffen sind.

Der in dieser – in der (Medien-)Welt verbreiteten – Denkweise verborgene Zynismus, lässt sich anhand eines jüngst in den Niederösterreichischen Nachrichten publizierten Artikels anschaulich machen, in dem es um nicht weniger als den tragischen – und unverschuldeten – Tod eines Radfahrers geht: das Opfer, das „dunkle Bekleidung trug“ und „keinen Helm getragen hat“ wurde von der Autofahrerin „übersehen und von hinten erwischt“ und „kam dadurch zu Sturz“.

Den konkreten, mit dem Beitrag befassten, Redakteurinnen die Schuld für diese menschliche und journalistische Ungeheuerlichkeit zu geben, wäre zu kurz gegriffen. Auch handelt es sich keineswegs um einen einzelnen Fehltritt – es gab keinen Shitstorm, ja nicht einmal einen Kommentar auf den Artikel, der die Wortwahl angeprangert hätte. Diese widerspiegelt nur eine in der autozentrischen1 Gesellschaft zutiefst verwurzelte Wahrheit:

Der Autoverkehr dominiert den öffentlichen Raum. Das schnelle und ungestörte Vorwärtskommen des Autos ist Paramount. Wer sich in die Domäne des Automobils wagt, hat sich anzupassen.2

Ich will das durch eine kürzlich gemachte (anekdotische, wie ich zugebe) Beobachtung meinerseits illustrieren: grundsätzlich durchaus kluge und aufgeschlossene Menschen nannten ein Organmandat wegen einer nicht unwesentlichen Geschwindigkeitsübertretung auf einer der breiteren Wiener Hauptstraßen „eine Frotzelei“. Das wäre immerhin nachts gewesen; 50 km/h wären angesichts der freien Fahrt, die sich vor einem erschließe, viel zu langsam. Nur ein paar Tage später hörte ich, wie sich dieselben Leute über Fußgänger echauffierten, die sich erlaubten, nach Einbruch der Dämmerung in dunklem Gewande die Straße zu benutzen – wo doch Versicherungen und Automobilclubs unisono verlautbaren, man hätte sich in Chartreuse und Scotchlite™ zu hüllen, sobald man die sichere Wohnung verließe.

Beide Beispiele haben eines gemeinsam: ein fast reflexhaftes – aber auf alle Fälle selbstverständliches und weithin akzeptiertes – „victim-blaming“, das stets das Auto bevorzugt.

Ihr Stadtbenutzer gerät – weil ja jeder weiss, dass ich dem Radverkehr positiv gegenüberstehe – recht oft in teils ganz schön aufgeregte Tiraden über einzelne, doch in gewisser nicht völlig zu verleugnender Häufigkeit auftretende Fälle, in denen Menschen bei schlechten Sichtverhältnissen ihr Rad ohne einer der Fahrradverordnung entsprechenden Beleuchtung betreiben. Ich will dem Gesetzgeber unterstellen, dass er beim Verfassen dieser Verordnung klug und gewissenhaft gehandelt hat – dass sie im Interesse unser aller „safety and convenience“ zu Papier gebracht wurde, und dass es deswegen nicht nur dem Gesetz, sondern auch dem Hausverstand entspricht, sich daran zu halten.

Das wollte ich nur aus dem Weg haben … es hat nämlich so überhaupt keine Relevanz für den Inhalt dieses Blog-Posts.

Deshalb: bah!

Die Welt ausserhalb der Wohnungstür ist – gerade für Zufußgehende und Radfahrende – in der Tat (wie es Salon.com ausgedrückt hat) „auf einem unbequem hohen Risikolevel aufgebaut“3. Die Ursache dieses hohen Risikolevels sind aber keineswegs jene, die zu Fuß gehen – und nur zu einem geringen Teil die, die Fahrräder benützen. Dieses hohe Risikolevel wird durch den Autoverkehr verursacht.

Wir wissen nicht viel über das Opfer aus dem ersten Beispiel. Es könnte natürlich theoretisch ein Rennradfahrer auf einer Trainingsfahrt gewesen sein – wahrscheinlicher an einem Donnerstag Morgen um sieben Uhr ist aber, dass der Mann sich auf dem Weg in die Arbeit befand. Vielleicht war er Bauarbeiter; vielleicht Buchhalter, Optiker, Verkäufer, Lagerist oder Manager. Auf alle Fälle hätte er Kleidung getragen, die ihm zur Ausübung seines Berufes geeignet erschienen war. Er war ja schließlich Bauarbeiter, Buchhalter, Optiker, Verkäufer, Lagerist oder Manager – nicht Radprofi.

Man muss nicht so weit gehen wie der IMHO in Radverkehrsfragen weit über seine tatsächliche Bedeutung hinaus strapazierte – zudem in seiner Obsession für Radfahrerinnen in High-Heels irgendwie gruseligeMikael Colville-Andersen mit seinem Cycle Chic Dogma, aber es ist wohl kaum zu bestreiten, dass überall dort, wo das Radfahren im Alltag (also nicht ausschliesslich als Sport oder Hobby) politisch und gesellschaftlich ernst genommen wird, die Leute in der Kleidung Rad fahren, die sie auch nach dem Absteigen tragen möchten. Man kann das wohl gleichermaßen als Symptom wie auch als Ursache eines sichereren Umfeldes für Radfahrende werten – auf alle Fälle wird keinem dieser Länder einem Unfallopfer unterstellt, aufgrund seiner Kleidung irgendwie selbst schuld zu sein.

Gut: bei der engen Verwandtschaft von alltäglichem und sportlichem Radfahren (bis zum gelegentlichen Verschwimmen der Grenzen) könnte es noch einigermaßen vernünftig erscheinen, einem Radfahrenden die Nutzung einer speziellen Ausrüstung zuzumuten – oder zumindest die Diskussion darüber zuzulassen. Die eigentliche Groteske beginnt dort, wo man dasselbe von Zufußgehenden verlangt.

Warum also ist das so gang und gäbe?

Wie die meisten von Ihnen fahre ich mit dem Auto. Damit legt man bei einer Geschwindigkeit von 50km/h in jeder Sekunde fast 14 Meter zurück – in vier Sekunden den Abstand der Tore auf einem Eishockeyfeld; in acht Sekunden jenen zwischen zwei Fußballtoren. Und das bei einer Masse von um die zwei Tonnen. Kein Wunder, dass der Gesetzgeber eine gesonderte Bescheinigung verlangt, um solch eine Maschine in Betrieb zu nehmen!

… und wie die meisten von Ihnen versetzt mich der Gedanke in Angst und Schrecken, dass ich durch eine Unachtsamkeit oder einfach nur einen ungünstigen Zufall damit jemanden verletzen oder gar töten könnte.

Die Vorstellung quält uns so sehr, dass wir jede sich bietende Gelegenheit nutzen möchten, präventiv die Schuld von uns zu weisen. Die Straße ist gefährlich für Zufußgehende und Radfahrende, sagen wir uns (für Autoinsassen wird ja die Gefahr mit jeder neuen Errungenschaft in passiver Sicherheit geringer). Es müssen sich schon die darum kümmern, dass wir sie nicht übersehen, denken wir. Und so erfinden wir immer wieder gute Argumente um die Ausrede „habe ich nicht gesehen“ in unseren Köpfen als plausibel und glaubwürdig zu zementieren, während wir vielleicht ein bisschen schneller fahren als wir sollten, vielleicht doch kurz eine dringende Textnachricht schreiben, vielleicht unser nächstes Ziel ins Navi eingeben müssen und whatnot. Der Radfahrer hätte eine Warnweste tragen müssen. Er ist an seinem Tod irgendwie selbst schuld. Schreiben wir in die Nachrichtenmeldung, dass er dunkel gekleidet war, und implizieren wir unterschwellig, dass die Autofahrerin ihn quasi übersehen musste. Wir werden uns besser fühlen.

Oder wir leben mit unserer Angst. Nehmen die Verantwortung wahr. Fahren umsichtig … vielleicht auch mal etwas langsamer. Und hören wir damit auf, bei jedem Unfallbericht die Entschuldigung für den Autofahrer automatisch mitzuliefern, indem wir die farblich ungünstige Kleiderwahl des Opfers zum Thema machen.


1) In einem früheren Beitrag habe ich meine Wahl des Wortes „autozentrisch“ schon einmal begründet: weil ich nicht davon ausgehen kann, dass Sie das damals gelesen haben, fasse ich kurz zusammen: ich verwende dieses Wort als Übersetzung der international nicht unüblichen Bezeichnung „car-centric“, weil sie der Journalist Hans Rauscher in einer Ausgabe seiner Kolumne „Einserkastl“ beschrieben hat. Mir gefällt daran besonders die nahe liegende Assoziation mit dem geozentrischen Weltbild, in dem sich das Universum um die Erde dreht, und dessen öffentliche Anzweiflung einst Galileo Galilei in Konflikt mit der Inquisition geraten ließ.

2) Ja. Sie dürfen, wenn Sie den hervorgehobenen Text lesen, ihn in Ihrem Kopf abgehackt und mit rollendem „R“ klingen lassen … Sie könnten ihn auch auf diese Art laut lesen – es wäre aber besser, wenn Sie dazu alleine im Raum sind ;-)

3) Übersetzung durch den Autor; original: “Advocates for pedestrians and cyclists are […] wary of embracing a kind of environmental determinism that would introduce ‘dangerous design’ as an excuse for bad driving. But it is — and must be — possible to insist on drivers’ culpability while acknowledging that the whole system that places fast-moving cars, trucks and buses in a busy city is built on an uncomfortably high level of risk.”


Titelbild: eine moderne Version von H.G. Wells’ „Invisible Man“ aus dem gleichnamigen Roman von 1897. Diese spezielle Darstellung hat im Internet eine gewisse Verbreitung gefunden (auch in diversen künstlerischen Überarbeitungen) – der tatsächliche Urheber scheint sich jedoch durch Web-Recherche nicht aufspüren zu lassen. Ich zitiere das Bild hier nicht nur aus diesem Grund uncredited, sondern ebenso in einer eigenen – zum Thema passenden – Überarbeitung: ich habe die Bandagen des Invisible Man in der Farbe Chartreuse (#dfff00) eingefärbt; er soll ja von den Autofahrern gesehen werden. Was den Rechteinhaber betrifft, so hoffe ich, dass er mir beides verzeiht.

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