Stell Dir vor es ist Krieg …

madMax

… und keiner geht hin. Diese Übersetzung einer populären Textzeile aus dem hierzulande ansonsten nicht ganz so populären Gedicht „The People, Yes“ des amerikanischen Dichters Carl Sandburg stand zur Schulzeit Ihres Stadtbenutzers an eine Wand im Gymnasium Völkermarkt geschrieben … wie an viele Wände Europas, das sich damals nicht sicher sein konnte, dass der herrschende Kalte Krieg nicht unversehens wieder heiß würde. Wessen sich Europa – wie der Rest der Welt – allerdings sicher war, war, dass trotz der gerade überstandenen Ölkrise das Automobil als der große Heilsbringer einer goldenen Zukunft gefeiert werden durfte.

Und heute? Heute sind wir in jener goldenen Zukunft der 1970er Jahre angekommen und … angesichts von über 100.000 Ergebnissen auf die Google-Suchanfrage „war on cars“1 sieht es ganz so aus als befänden wir uns ausgerechnet in einem Krieg gegen das Automobil.

Vielleicht geht es ihnen wie mir und sie haben das unangenehme Gefühl im Hinterkopf, dass es vor dem Hintergrund dessen, was sich rund um den Globus abspielt, unangemessen, zynisch und irgendwie obszön erscheint, den vergleichsweise simplen, wenn auch ideologisch aufgeladenen Disput über die Zuteilung von Mitteln, Raum und Verantwortung zwischen einzelnen Verkehrsmodi „Krieg“ zu nennen. Die Amerikanisierung der Medien scheint den Zwang nach martialischer Ausdrucksweise mit sich gebracht zu haben und die Politik – allen voran (und mit besonderer Begeisterung) deren rechter Rand – übernimmt dankbar die Metapher.

Autohersteller, Händler, Automobilklubs und andere Profiteure der autozentrischen Weltanschauung2 lassen keine Gelegenheit aus, der ohnehin im Laufe der vergangenen 60 Jahre gleichermaßen gewissenlos wie gewissenhaft indoktrinierten Bevölkerung klarzumachen, wie sehr jeder Versuch, den so geschaffenen Status quo im Sinne einer womöglich besseren (zumindest aber andersgearteten) Zukunft zu ändern, einen direkten, bösartigen und unprovozierten Angriff auf einen allzu lieb gewonnenen Lebensstil – und vor allem auf jene, die ihn ungestört auf Kosten der Allgemeinheit leben wollen – darstellt.

Und so wird der Krieg gegen das Auto – oder um das Ganze persönlicher zu gestalten: der Krieg gegen die Autofahrer – nach und nach zu einem gemeinhin akzeptierten Faktum in der zeitgenössischen Weltordnung erhoben. Mit diesem Anspruch muss er es sich allerdings auch gefallen lassen, hinterfragt zu werden.

„Man kann der Invasion einer Armee widerstehen, doch nicht einer Idee, deren Zeit gekommen ist“, soll Victor Hugo geschrieben haben3.

Passend zum Tenor dieses Artikels wäre es an dieser Stelle sicherlich so opportun wie einleuchtend, den motorisierten Individualverkehr mit Ersterem zu vergleichen. Analogien vom machtvollen Vormarsch in zahlenmäßiger Überlegenheit bis zur Zwangsrequisition von Raum und Ressourcen unter der Flagge des „Befreiers“ sind flugs konstruiert, zudem bedarf es einer wahrhaft schlagkräftigen und grausamen Armee um Jahr für Jahr Opferzahlen von weltweit über 1,2 Millionen4 zu verursachen …

Ein Blick auf die Geschichte lässt uns Letzteres aber mindestens ebenso plausibel argumentieren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert – dem Zeitalter der Hochindustrialisierung – wandelte sich auch die Sozialstruktur. Die Konsumgesellschaft entstand. Man könnte behaupten, dass die Erfindung des Automobils die logische Konsequenz dieser beiden Komponenten, und daher auch seine Verbreitung unausweichlich war. Nach 1933 bot zudem der unbeugsame politische Wille zur Massenmotorisierung den rechten Nährboden (pun intended) für die Idee des Automobils als die Weltreligion5 des nun folgenden Jahrhunderts … ihre Zeit war definitiv gekommen.

Der US-Autopionier Henry Ford soll gesagt haben, dass die Menschen eher schnellere Pferde als Autos gewollt hätten6. In Wahrheit war die geringe Geschwindigkeit aber das kleinere Problem des Pferdes als Verkehrsmittel. Das Auto war nicht nur die Lösung dieses Problems, sondern befriedigte auch den zweifelsfrei gegebenen Bedarf nach einer Form von Mobilität, die zwar von den Einschränkungen des eigenen Körpers entkoppelt, doch ansonsten fast genauso individuell und unabhängig einzusetzen war.

Nun mag es zwar dem Einzelnen durchaus möglich sein, sich von diesem Bedarf zu befreien, soferne sich die Voraussetzungen dementsprechend gestalten (oder gestalten lassen). Daraus allerdings ableiten zu wollen, dass die Erfindung und Verbreitung des Automobils per se fehlgeleitet gewesen wäre, und dass unser Ziel eine völlige Abschaffung des Autos sein müsste, das erscheint unangebracht – und auch recht blauäugig. Ihr Stadtbenutzer wagt die Prognose: solange es eine menschliche Hochkultur gibt, so lange wird es auch eine Form des motorisierten Individualverkehrs geben. Wie immer auch sich das Auto in Zukunft entwickeln mag – es wird wohl nicht wieder verschwinden.

Das bedeutet aber keineswegs, dass wir dazu verdammt sind, die Idee der Massenmotorisierung und unsere eigene Verwendung des Automobils auf der Basis genau jenes Wissensstandes zu beurteilen, den wir in der Vor- und Zwischenkriegszeit hatten.

Es liegt nämlich durchaus in der Natur von Ideen, dass die Frage, ob sie zu den „guten“ oder den „schlechten“ ihrer Art gehören im Kontext ihrer Zeit gesehen werden muss … und die Antwort mag abhängig vom historischen Umfeld variieren. Eine ehedem gute Idee (eine, deren Zeit gekommen war) muss das nicht für immer bleiben. Fortschritte in Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Philosophie können die Rahmenbedingungen verändern, die Idee wird obsolet und/oder neue lösen die alte ab – vielleicht stellt sich aufgrund neuer Erfahrungen eine nachträgliche Erkenntnis ein, die unsere Einschätzung radikal verändert. Mit etwas Glück braucht die ursprüngliche Idee aber auch nur ein paar Änderungen und Anpassungen, um im neuen Zeitalter weiterhin als „gute“ Idee zu überleben.

Es bedarf bestimmt keiner besonderen philosophischen Fähigkeiten, diese Gedankengänge anzuerkennen. Warum also fällt es uns so schwer, jene Fakten, die sich uns im vergangenen Jahrhundert offenbart haben, auch in unser Denken einfließen zu lassen?

Manchmal ist eine Idee derart im kollektiven Bewusstsein verankert, dass sie sich diesem Prozess der Neueinschätzung vollends entzieht – wie in dieser Geschichte, die Stadtplaner Jan Gehl in einem Interview in der Zeitschrift „brand eins“ erzählt: „Der vietnamesische Planungsminister hat mir kürzlich sinngemäß erklärt: Erst sind wir Fahrrad gefahren, dann Mofa. Heute haben wir endlich Autos und sind sehr stolz darauf. Wir müssen jetzt erst einmal eine Zeit lang Auto fahren, bevor wir darüber nachdenken können, zum Fahrrad zurückzukehren.“

Wer so vehement, unerschütterlich und (wie der Minister unterschwellig impliziert) wider besseren Wissens, einer alten Idee anhängt, der mag es durchaus als „Krieg“ dagegen – und gegen die eigene Person – empfinden, wenn andere es wagen, diesen kritischen Prozess durchzuführen.

Meine Lektorin7 hat mir jüngst vorgeworfen, ich würde „schwadronieren“. Ich gebe auch zu, dass ich in den vorhergehenden Absätzen tatsächlich wesentlich weiter in das Feld der Philosophie vorgedrungen bin, als ich das wollte – und als es für diesen Blog wahrscheinlich angebracht wäre. Ich will deshalb endlich zum Punkt kommen …

Die Schaffung von Infrastruktur, die Zufußgehenden und Radfahrenden zu gute kommt, auch wenn dazu Parkplätze und/oder Fahrspuren aufgegeben werden müssen … ist kein Krieg gegen das Auto.

Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, selbst dann, wenn sie zum Verlust von Vorrang und/oder anderen Vorrechten des KFZ-Verkehrs führen sollten … sind kein Krieg gegen das Auto.

Geschwindigkeitsbeschränkungen im Interesse von Sicherheit, Feinstaub- und Abgasvermeidung, Lärmschutz, et cetera – sowie deren Kontrolle und Durchsetzung … sind kein Krieg gegen das Auto.

Von einem Lenker eines Kraftfahrzeuges jene Verantwortung einzufordern, die der Betrieb einer solch schweren, schnellen und kraftvollen Maschine mit sich bringt … ist kein Krieg gegen das Auto.

Abgaben-Tarife an die tatsächlichen Kosten des KFZ-Verkehrs anzupassen (Verursacherprinzip), für das Parken im öffentlichen Raum zu bezahlen, Straßenmaut, Citymaut und so weiter … ist kein Krieg gegen das Auto.

Und einfach nur abzulehnen, stets ohne jeden Widerspruch akzeptieren zu müssen, dass das Auto die uneingeschränkte Hoheit über jeden Aspekt unseres Lebens und des öffentlichen Raumes hat … das ist erst recht kein Krieg gegen das Auto.

Oh. Das war einfach! Da habe ich wohl tatsächlich „schwadroniert“.


1) Das ist das Ergebnis der Suchanfrage unter Verwendung von Anführungzeichen; lässt man diese weg, spuckt der Google-Suchalgorithmus gar ungefähr 150 Millionen Ergebnisse aus – natürlich sind dann auch Artikel wie “How World War One changed the car you drive today” dabei, die mit dem aktuellen Thema rein gar nichts verbindet. Es könnte allerdings sein, dass bei der restriktiveren Suchmethode manch relevanter Beitrag unter den Tisch fällt. Probieren Sie einfach selbst beide Methoden aus. Es ging mir (wie Sie sicher schon vermutet hatten) hier um das billige Stilmittel einer ziemlich großen Zahl.

2) In einem früheren Beitrag habe ich meine Wahl des Wortes „autozentrisch“ schon einmal begründet: weil ich nicht davon ausgehen kann, dass Sie das damals gelesen haben, fasse ich kurz zusammen: ich verwende dieses Wort als Übersetzung der international nicht unüblichen Bezeichnung „car-centric“, weil sie der Journalist Hans Rauscher in einer Ausgabe seiner Kolumne „Einserkastl“ beschrieben hat. Mir gefällt daran besonders die nahe liegende Assoziation mit dem geozentrischen Weltbild, in dem sich das Universum um die Erde dreht, und dessen öffentliche Anzweiflung einst Galileo Galilei in Konflikt mit der Inquisition geraten ließ.

3) Hat er nicht. Was er geschrieben hat, ist „On résiste à l’invasion des armées; on ne résiste pas à l’invasion des idées.“ (Man kann der Invasion von Armeen Widerstand leisten, aber keiner Invasion von Ideen). Schade, denn der Teil mit der Zeit, die gekommen ist, ist eigentlich das Schönste an dem Zitat. Sollte sich jemand für die Details interessieren, es gibt dazu einen ganz ausgezeichneten und umfassenden Artikel.

4) Diese Zahl stammt aus einer Schätzung der WHO aus dem Jahr 2013. Zugegeben, es ist wohl etwas polemisch, hier die armen Unfallopfer zu bemühen (die übrigens der Natur von Verkehrsunfällen nach nicht ausschliesslich dem MIV zuzurechnen sind), ich möchte aber anmerken, dass zu einem „Krieg“ auch Opfer gehören … hey! Ich habe diese Allegorie nicht erschaffen; so gesehen erscheint die Polemik durchaus legitim. Zu den Schätzungen ist noch zu sagen, dass davon ausgegangen werden muss, dass der Autoverkehr abseits der Unfallstatistiken ebenfalls mit Millionen von vorzeitigen Toden in Verbindung zu bringen ist, diese Zahl also nicht das vollständige Bild widerspiegelt. Sie durchschauen aber schon die Aussage – es ist einfach eine wirklich große Zahl.

5) Das Originalzitat des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk lautet: „[Das aufklärungsresistente Auto] ist auf der Fahrt ins Nirgendwo, auf der Fahrt in die Fahrt. […] Autofahren ist eine Weltreligion.” Ich fand diese Bezeichnung hier adäquat, weil sie überdeutlich in den Vordergrund stellt wie sehr die Idee dem Zeitgeist entsprach.

6) Auch diese Zuschreibung ist falsch (übrigens genauso wie die Behauptung, Ford hätte die Fließbandproduktion erfundenoder gar das Auto). Das Zitat – im „Original“: “if I had asked people what they wanted, they would have said faster horses” – das speziell im Zusammenhang mit Innovation und Entrepreneurship oft und gerne verwendet wird, wurde Ford offenbar bloß in den Mund gelegt.

7) slash-Geschäftspartnerin … slash-Lebensgefährtin … slash-Liebe meines Lebens


Titelbild: Promotionbild für das Videogame „Mad Max“ (2015)
© Avalanche Studios und Warner Bros. Interactive Entertainment