Wider die Flaniermeile

Sonntagsspaziergang am Stadtrand

Es hat sich scheint’s eingebürgert, von „Flaniermeilen“ zu reden, sobald von jenen Teilen der Stadt die Rede ist, die durch Zufußgehende benutzt werden1. Das geht so weit, dass der Online-Zweig der Tageszeitung „der Standard“ jüngst in einer Artikelüberschrift einfach alle FußgängerInnen als „Flanierer“ bezeichnet hat.

Die Frage, ob FußgängerInnen automatisch auch oder gar ausschliesslich „FlaneurInnen” sind, bedarf zuallererst einer Begriffsbestimmung. Bevor wir uns aber den Wörterbüchern zuwenden, schliessen wir doch einmal die Augen, gehen in uns und stellen uns vor zu „flanieren“. Ich weiss natürlich nicht, was Sie empfinden – aber ich vermeine Vogelgezwitscher zu hören und rieche den Duft von Flieder; ich habe nicht das Gefühl, dass ich jetzt dringend wohin müsste. Ja, eigentlich sehe ich vor meinem inneren Auge das Titelbild zu diesem Artikel (auf diese Art habe ich es schließlich auch ausgesucht). Zeit, diese schöne Fantasie zu verlassen und den Duden aufzuschlagen: dieser definiert „flanieren“ als „ohne ein bestimmtes Ziel langsam spazieren gehen, umherschlendern“ und bietet als Synonyme unter anderem „lustwandeln“ und „promenieren“ an. Zur Sicherheit lassen wir über das Französische Wort „flâneur“ noch einmal Google-Translate drüberlaufen und erhalten als Antwort … „Bummler“.

Zwar erlaubt mir mein Leben zu ausgesuchten Anlässen „ohne ein bestimmtes Ziel langsam umherzuschlendern“, weitaus häufiger aber befindet sich am Ende meines Fußweges ein reelles Ziel. Dieses kann beruflicher wie privater Natur sein – und es kann selbstverständlich auch durchaus erfreuliche Erfahrungen für mich bereithalten; aber es ist da. Konkret; möglicherweise sogar mit einer terminlichen Verbindlichkeit versehen. Zu sagen, ich würde diese Wege „flanierend“ zurücklegen, wäre dasselbe als würde man behaupten, dass ich mit Fahrrad, Straßenbahn, Bus und sogar mit dem Auto stets nur „spazieren fahren“ oder „cruisen“ würde.

Die unreflektierte Anwendung der Formulierung „flanieren“ und – davon abgeleitet – „Flaniermeile“ ist dazu geeignet, im öffentlichen Diskurs die Fortbewegungsart des Zufußgehens zu einem Zeitvertreib für Müßiggänger zu degradieren … zu einer „Freizeitbeschäftigung von ein paar unverbesserlichen Esoterikern, die halt dann lieber aufs Land ziehen sollten“. Daraus liesse sich ableiten, dass jede Investition in den Fußverkehr hinausgeworfenes Geld wäre – ein Geschenk der Ökos an eine unproduktive, schmarotzende Minderheit (die ja offensichtlich Zeit zu „flanieren“ hat, während die „Leistungsträger“ bei der Arbeit sind).

Dass bestimmte Strömungen in Boulevard und Social Media aus diesem Grunde die Formulierung gerne und häufig verwenden, liegt auf der Hand. Jene, denen Walkability und eine nachhaltige Stadtentwicklung am Herzen liegt, sollten sich vielleicht überlegen, diese Worte in ihrer Kommunikation nicht über Gebühr zu strapazieren. Ihr Stadtbenutzer ist noch einen Schritt weiter gegangen und hat wie auf facebook angekündigt „Flaniermeile“ offiziell zum Unwort des Jahres nominiert. Tun Sie es mir ruhig nach!

… und tun Sie mir den Gefallen und nennen Sie nicht jede Einrichtung, die dem Vorwärtskommen von FußgängerInnen zuträglich ist – beginnend bei Gehsteigen, die eine solche Bezeichnung verdienen, über vernünftige Verbindungen und sinnvolle Querungsmöglichkeiten bis hin zu einer echten Begegnungszone – eine „Flaniermeile“. Das Zu-Fuß-Gehen ist ein legitimer Transportmodus wie jeder andere; es ist wegen seiner nicht zu übersehenden Vorteile für Stadt und Umwelt förderungswürdig – und es ist garantiert nicht nur eine Freizeitbeschäftigung für jene, die nichts Besseres zu tun haben oder gerade nirgends sein müssen.

Ich habe in der Fußnote 1 angekündigt, ich würde später noch einmal auf eine – trotz des Titels dieses Blog-Posts und der vorangegangenen Schimpftirade – meiner Meinung nach besser legitimierte Verwendung des Namens „Flaniermeile“ für das konkrete gesetzliche und bauliche Konstrukt der Fußgängerzone zurück kommen. Nun ist es so weit.

Leute, die wissen wovon sie reden – von den Urbanismus-Legenden Donald Appleyard und Jane Jacobs bis zu zeitgenössischen Vordenkern wie Brent Toderian, Jeff Speck und dem großartigen Jan Gehl – sind sich einig, dass eine lebenswerte Stadt nicht ausschliesslich aus Korridoren bestehen darf; sie braucht „Places“.

Fußgängerzonen erfüllen ihrer Natur nach die Funktion einer sicheren, angenehmen und priorisierten Verbindung für den Fußverkehr (= nicht „flanieren“), sie stellen aber genauso einen dieser wichtigen „Places“ dar, komplett, mit Möglichkeiten zum Verweilen, zum Teilhaben am öffentlichen Leben und – jetzt kommt’s – zum Schaufensterbummeln, Einkaufen, Sightseeing und Spazieren (= „flanieren“).

… und genau hier ist die Legitimation der Terminologie „Flaniermeile“ verborgen: zwar möchte ich mich nicht zu sehr in die emotional aufgeladene Diskussion um genderneutrale Schreibweise einmischen2, es ist aber offensichtlich, dass das Wort „Flaniermeile“ in dieser Hinsicht einen gewissen Vorteil zu bieten hat, weil es ohne sprachliche Kunstgriffe in sich geschlechtsneutral ist. Nachdem auch der leicht martialische Touch des Wortes „Zone“ nicht völlig von der Hand zu weisen ist, erscheint es vom germanistischen Standpunkt aus durchaus verständlich, das gemütliche „Flaniermeile“ an Stelle des brutalen und etwas holprigen „FußgängerInnenzone“ verwenden zu wollen.

Wenn sich also der Gesetzgeber dazu entschließen sollte, in der StVO den Begriff „Fußgängerzone“ durch „Flaniermeile“ auszutauschen, wird Ihr Stadtbenutzer nicht gleich auf die Barrikaden gehen – wenngleich ich auch hier mit Donald Appleyard übereinstimme, der meint, die Straßen wären (unter anderem auch) „rallying points for revolts“.

So weit möchte ich meine Ablehnung für den Begriff „Flaniermeile“ aber nicht treiben.


1) Im Diskurs der letzten Monate ist der Themenkomplex des Zu-Fuß-Gehens untrennbar mit der Diskussion um Fußgängerzonen im Allgemeinen und einer ganz bestimmten Fußgängerzone in Wien verbunden. In diesem konkreten Zusammenhang ist die Bezeichnung „Flaniermeile“ nicht vollends von der Hand zu weisen (wir kommen später noch dazu) – sie bleibt aber nun eben leider nicht nur auf diese Gebiete beschränkt.

2) Full disclosure: ich bin eher „pro“.


Titelbild: „Sonntagsspaziergang am Stadtrand“ von Carl Spitzweg (1865)

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>